Unser Weg durch Litauen, Lettland und Estland

Als wir Mitte Juli nach unserer schier endlosen Reise durch den deutschen Bürokratiedschungel wieder los gekommen sind, hatten wir uns erst am Vorabend entschieden Richtung Baltikum aufzubrechen. Lang hatte uns die Wärme in Spanien gereizt. 

Eigentlich wollten wir schon 2019 auf der Rückfahrt vom Nordkapp die Route über das Baltikum nehmen, aber wie so oft fehlte die Zeit. Gut dann also Baltikum. Gute 2000km Fahrtstrecke bis in den Norden Estlands vor uns und circa einen Monat Zeit. Dann warteten noch einmal ein paar letzte Termine in Deutschland auf uns, bevor es dann wirklich final los gehen konnte. Erwartungen ans Baltikum hatten wir ehrlich gesagt keine. Wir wollten einfach nur los und hatten gehört es gibt jede Menge Natur, relativ günstige Preise und das Freistehen zumindest partiell erlaubt ist. 

Noch schnell ein paar warme Pullis in den Bus gepackt und los ging’s. Uns zog es in den Norden, die Landstriche die wir in Polen gesehen haben rissen uns nicht vom Hocker, also fuhren wir recht zügig weiter. Wie wir im Nachgang erfahren sollten, sind wir auch durch die ärmsten und unschönsten Gegenden gefahren. Wir kommen also wieder und geben Polen mit den Tipps von polnischen Freunden eine zweite Chance. 


Litauen 

Der erste Abend in Litauen sollte uns direkt einen Vorgeschmack auf das geben, was da noch kommen sollte. Stellplatz direkt am traumhaften See mit Sandstrand im Wald. Wir kamen direkt zur goldenen Stunde an, der See in ein wundervolles gold-orange getaucht. Aufatmen, ankommen, Bierchen trinken am Strand – aufs Leben. 

Wir merken deutlich das Litauen an der Ostsee liegt, eine steife Briese und ordentlich Regen. Allerdings auch weißer Sand, hohe Dünen und fantastische Natur. Und so viele Störche. Auf jedem Strommast scheint ein Nest zu sein. Wir verbringen die Tage mit Strandspaziergängen am Meer, Bernstein suchen aber nicht finden und ankommen im Baltikum, ankommen auch wieder im Reisealltag. 


Lettland

Wir wollen die Küste entspannt hoch fahren und zack sind wir schon in Lettland angekommen. Auch Lettland begrüßt uns regnerisch und kalt. Wir stehen direkt hinter den Dünen einsam versteckt, gehen wilde Johannisbeeren am Waldrand sammeln und kuscheln uns im Bus ein. Als wir später Beerennachschub holen wollen, fallen uns Tierspuren rund um unseren Bus auf. Nach einiger Recherche sind wir schlauer. Während wir es uns drinnen gemütlich gemacht haben, sind die Wölfe mal ihre neuen Nachbarn inspizieren gekommen. 

Schon der nächste Tag begrüßt uns mit strahlendem Sonnenschein. Der Wind hat sich gelegt und lässt uns erkennen wo wir eigentlich stehen. Mitten an einem 5km langen weißen breiten Sandstrand, welchen wir bis auf ein paar wenige Tagestouristen gänzlich für uns haben. Wir genießen die Einsamkeit während ein paar 100km weiter an der deutschen Ostsee kuscheln am Strand angesagt ist. 

Wir springen in den weichen Sand, futtern Wassermelone und lassen uns die Sonne auf den Pelz brennen. Genießen das Vanlife in vollen Zügen, wir backen das erste Mal Brot on the Road, machen Apfelmus aus Wildäpfeln und finden das erste Mal essbare (!) Pilze. Wir fühlen uns frei, geerdet und mit der Natur verbunden. Neben Robinson Crusoe Stränden bietet Lettland unfassbar viel Wald und schöne Seen, dazu abseits der Hauptstraßen Gravelroad. Uns gefällt es hier, wir lassen uns fallen. 

Einzig unser Wäscheerlebnis im Waschsalon in Riga bringt uns kurzzeitig auf den Boden der Tatsachen zurück. Die resolute Dame im Waschsalon ließ nicht davon abhalten all unsere Wäsche  in den Trockner zu schmeißen. So kann man auch aussortieren. Nur leider ungünstig wenn man das bereits bis auf einige wenige Lieblingsteile getan hat. Wir üben uns also in Akzeptanz und probieren unsere Klamotten wieder in die Länge und Breite zu ziehen.

Nach unserem Wäscheerlebnis finden wir einen wundervollen Platz irgendwo im Nirgendwo, wo sich tatsächlich Fuchs & Haas gute Nacht sagen. Wir denken die zwei Babyfüche würden zumindest gern dem ein oder anderen Häschen „Gute Nacht“ sagen. Wir stehen also an einem See mit Lagerfeuerstelle. Zeit für die Klischee-Vanlife Szenen. Aber der Dicke macht sich auch zu gut am Lagerfeuer. Außer ein paar Locals, welche sich nachts noch im See abkühlen möchten, kommt nur ein Krebsfischer vorbei, der uns zu Beginn skeptisch beäugt. Als er feststellt, dass wir keine Polizei sind, erzählt er uns grade heraus, dass seine Fischerei illegal sei und nimmt uns mit und zeigt uns die besten Krebsfischtaktiken. Wir lachen viel und schlüpfen müde, glücklich und wie Brathähnchen stinkend in unser Bett. Am nächsten Tag unterhalten uns einige Jugendliche, die ihre mitgebrachte 1,5l Vodkaflasche bei vollaufgeschrubter Balkanbeats-Spotify-Playlist im Auto sitzend geniessen. Nach Abfahrt genießen wir wieder die Ruhe und laden uns lachend die Playlist.


Estland

Wir hatten uns noch auf lettischer Seite mit zwei super netten Campern am Strand verquatscht, wollten aber noch am gleichen Tag weiter nach Estland fahren. Am Morgen hatten wir unseren letzten 20l Reservekanister eingefüllt um noch auf die estnische Seite zu kommen, da hier der Sprit günstiger sein sollte. Die Tanknadel zeigte noch 1/4 voll an, die nächste Tankstelle in 32km. Easy. Grade als wir über die Grenze nach Estland gefahren sind, meint Flo plötzlich „Fuck, der Tank ist leer – der Motor geht aus“. Mit den letzten Tropfen Diesel rollen wir noch in einen Waldweg. Die Tankanzeige spinnt offensichtlich wieder. Die Tanknadel fiel erneut von Viertelvoll auf 0, der Motor ging direkt aus. Es ist gleich Mitternacht. Wir stehen super schräg mitten auf einem Waldweg. Also Rundumbeleuchtung anschalten und langsam zurückrollen an die Seite der Straße. Halbwegs eben. Die nächste Tankstelle auf estnischer Seite ist noch 23km entfernt, auf lettischer Seite ist die nächste in 10km. Es ist dunkle Nacht. Wir entscheiden uns am Straßenrand zu schlafen und mit Sonnenaufgang mit dem Rad loszufahren. Zurück nach Lettland. Wir sind noch vor 08:00 Uhr am Folgetag wieder unterwegs. Mit nachgepumpten Kraftstoff gehts weiter – auf direktem Weg zur estnischen Tankstelle. Erstmal volltanken inklusive aller Kanister, fürs gute Gefühl. Haben wir also den Klassiker auch mal mitgenommen, Tank leer gefahren, auf der Straße geschlafen und zur Tanke geradelt. Ab jetzt wird der Notkanister nicht mehr angetastet. 

Nach der Tankstelle, fahren wir direkt an einer schwedischen Bäckerei vorbei. Estland so überzeugst du uns, mit heißem Kaffee und überragenden Zimtschnecken! Überhaupt erinnert uns Estland eher eine Mischung aus Schweden, Norwegen und Finnland. Wir nennen es ab sofort „Little Sweden“ und sind ganz verzaubert von den süßen Häuschen in den schönsten Farben. Wir haben das erste Mal das Gefühl, irgendwann könnten wir hier vielleicht ankommen. In einem dieser Häuschen mit Windfang davor. Im Garten ein paar Obstbäume und ein kleines Gemüsebeet, wir kommen ins Träumen, philosophieren und verlieben uns Stück für Stück mehr in dieses schöne Land. 

Die RMK Stellplätze sind ein echter Tipp für Estland. Meistens wunderschön in der Natur gelegen, mit Feuerstelle inklusive Feuerholz und oft Deluxe-Grill. Nur an Wochenenden oder um estnische Feiertage wird es voll. Zu voll. Wir verbringen eine wundervolle Zeit in der Natur, stehen an phantastischen Stränden, in Mitten von verwunschenen Wäldern oder an spiegelglatten Seen. Wir pflücken kiloweise Heidelbeeren und finden die leckersten Pfifferlinge und Steinpilze. Die allesamt sammelfrisch verarbeitet werden. 

Doch nicht nur Natur kann Estland, Tallinn lässt unser kleines Hipsterherz höher schlagen. Das Creative Viertel überrascht uns mit urbanen Cafés, nachhaltigen Boutiquen, zahlreichen Vintage und Second-Hand-Shops und einer unglaublich entspannten Atmosphäre. So schlecken wir zuckerfreies Eis aus dem Biomarkt, schlendern durch die Markthallen, füllen unseren in Lettland dezimierten Kleiderschrank wieder mit Vintageschätzen auf, essen usbekisch und genießen noch ein Bier in der hippen Bar bevor wieder dem Citylife wieder den Rücken kehren und zurück in die Natur fahren. 

Doch langsam drängt die Zeit, unsere Termine in der Heimat lassen sich nicht verschieben. Nachdem unser Date mit Freunden für den Rückweg in Polen nicht klappt, zögern wir die Rückfahrt nach Deutschland bis ultimo raus. Am letzten Abend in Estland wollen wir nochmal ans Meer, soll ein toller Platz sein. Direkt in den Dünen. Gut also hin. Bei den ersten Matschlöchern meint Jenni noch zu Flo „Meinst das geht?“. Die Antwort ist klar „Gas und durch“. Gesagt getan, die ersten sechs Matschlöcher gehen gut. Bisschen rutschen aber der Dicke greift immer wieder direkt. Wir sind fast durch, das letzte Matschloch, als der hintere rechte Reifen durchdreht. Gut, vor und zurück wippen – geht schon, sind doch nur noch 20 cm. Doch wir graben uns immer tiefer ein. Wir unterfüttern mit allem was wir finden. Nix. Da macht Jenni ein Schritt zurück und steht knietief im Moor. Ups. Kein Schlammloch. Wir stehen im Moor. Also schnell weiter machen, graben um die Bretter tiefer unter die Reifen zu bekommen. Nichts. Also High Jack runter nehmen. Da der Boden bedingt durch die moorige Umgebung so weich ist und einfach nachgibt, wird das auch mit ordentlich unterfüttern nichts. Grade als wir anfangen wollen, für die Sandbleche zu graben – kommt uns ein Dodge Ram entgegen. Die nette Frau aus der Nachbarschaft ist grade auf dem Rückweg vom Strand zieht uns mal eben raus und lässt uns noch ihre Nummer für den Rückweg da. Sei hier üblich, wir sollen uns kein Kopf machen. Wie wir später erfahren sind auch die beiden 4×4 Fahrzeuge die schon am Strand stehen stecken geblieben. Schon wesentlich früher als der Dicke. Da sind wir doch fast ein bisschen stolz, auf den Dicken mit seinem Heckantrieb. Nur vor dem Rückweg graust es uns ein bisschen, vor allem als wir sehen wie ein Allrad-Geländefahrzeug in unserem Matschloch zweimal ordentlich aufsetzt. Der Plan ist geschmiedet, Jenni läuft am nächsten Tag mit den 50kg Sandblechen vor und unterfüttert die kritischsten Stellen. Gesagt getan. So kommen wir den Rückweg am nächsten Tag ohne einmal festfahren durch. Auch wenn Jenni irgendwie angestrengt aussieht, nach ihrem Marsch mit Gewicht. Wir sind froh, all unser Bergungsequipment in „sicherer und zivilisationsnaher“ Umgebung getestet zu haben und so zu wissen was wir abseits jeglicher Hilfe anders machen würden beziehungsweise in welcher Reihenfolge wir beim nächsten Mal anfangen.


Ach Baltikum, du bist wild, ehrlich und direkt. Du bist aufrichtig und wunderschön. Zwischen Seen, Meer und Wald haben wir irgendwo unser Herz an dich verloren. 

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Birgit

    Oh, wie wunderschön geschrieben. Lieben Dank für’s wegträumen lassen. Wird aber sicher kein Traum bleiben !!
    Euch alles Liebe 😊

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