Wie aus dem Sonder-KFZ ein historisches Wohnmobil wurde

Dieser Weg wird kein kurzer sein. Von der Abholung des Fahrzeugs als Sonder-KFZ an der friesischen Küste bis zu der Umschlüsselung zum historischen Fahrzeug werden circa zwei Jahre vergehen. 

Als der Dicke 1987 in Bremen vom Band lief, war er als LKW geschlossener Kasten geschlüsselt. So erfolgte auch die erste Anmeldung. Wir haben den Dicken 2018 als Sonder-KFZ Funkleitwagen des Katastrophenschutzes erworben. Bei Abholung hatte er keine gültige HU+AU und war bereits seit mehreren Monaten abgemeldet. Wir wollten den Bus ursprünglich auf eigener Achse nach Süddeutschland zum Umbauort bewegen. Um das Sonder-KFZ als Privatperson zum Überführungszweck bewegen zu dürfen, musste sowohl das schicke blaue Rundumlicht sowie das Signalhorn außer Betrieb genommen werden. Auch der Katastrophenschutz-Schriftzug musste weichen. 


Vom Sonder-KFZ zum Wohnmobil 

Die Tücken der Überführung

Mit neuem TÜV und Kurzzeitkennzeichen als Sonder-KFZ sollte es gen Süden gehen. Ab Höhe der Kasseler Berge machte sich ein bis dato unbekannter Defekt in der Kraftstoffzufuhr bemerkbar. Der Dicke musste direkt auf seiner ersten großen Fahrt vom ADAC Huckepack genommen werden. Nachdem die Werkstatt kein Defekt gefunden hat, konnten wir ihn 14 Tage später wieder in Empfang nehmen. Die 7km von der Werkstatt bis zum Umbauort lief er auf wundersame Weise wieder ohne Probleme. 

Wir stemmten den Umbau vom tristen Behördenfahrzeug mit Pressspan-Schränken und grünen Kunstlederbezügen zum kuscheligen Heim auf Rädern in nur drei Wochenenden. In 100% Eigenregie. Das Ziel der schnellstmögliche Umbau zum Wohnmobil, denn wir wollten los die Welt erkunden. Das wir ihn eventuell zum historischen Fahrzeug anmelden könnten, schien uns zu dem Zeitpunkt eher unrealistisch.


Zulassungsvoraussetzungen des TÜVs

Nach kurzer Rücksprache mit unserer angedachten Prüfstelle wussten wir, dass wir für die Anmeldung als Wohnmobil eine festverbaute Kochmöglichkeit, eine Waschgelegenheit, Stauraum, ein fest eingebautes Bett, einen verbauten Tisch, zwei Fluchtwege und einen wohnlichen Charakter benötigen. Aus Kostengründen und um die Gasprüfung zu vermeiden, entschieden wir uns sowohl gegen festverbauten Gaskocher als auch gegen fließendes Wasser.

Nachdem der TÜV eine festverbaute Kochstelle forderte, verbauten wir den circa 30 Jahre alten Zweiplatten-Kocher mit 230V Stromanschluss der schon mit Jenni als Kind auf Reisen war. Für das mobile Kochen außerhalb des Campingplatzes hatten wir ja ohnehin vor unseren alten Stechkartuschenkocher, den wir schon seit Jahren zum Zelten dabei hatten, zu nutzen. Als Waschgelegenheit funktionierten wir eine alte Emailleschüssel und zwei 10L Wasserkanister um. Die Schüssel hatten wir in die Arbeitsfläche eingelassen. 

Ein Bett mit richtigen Matratzen war uns wichtig, also verbauten wir ein Längsbett zum Ausziehen mit zwei Matratzen à 70x200cm. Also einer Liegefläche von 140x200cm. Die ersten hatten wir online über einen Bootsbedarf gekauft. Als Tisch sollte die Klapptisch-Variante des schwedischen Möbelhauses herhalten, den ergatterten wir günstig secondhand. Für den wohnlichen Charakter hatten wir ein Kissen und eine Wolldecke im Bus. Musste reichen.


Auf zum Kieswerk

Der nächste Weg führte uns in das nahegelegene Kieswerk um den Dicken zu wiegen. Das Gewicht war die große Unbekannte, wir wussten lediglich was vorher im Fahrzeugschein stand, hatten einiges inklusive Bleiblatten und 230V Konverter aus dem Fahrzeug genommen aber eben auch einiges aus Massivholz wieder eingebaut. Als wir so auf die Waage rollten, hatten wir also durchaus etwas Bammel. Die Sorge war allerdings völlig unbegründet, hätten wir nach dem Ausbau noch einmal 1000kg zuladen können. Der Dicke ist halt doch ein gutmütiger Lastenesel. 


Erneute technische Probleme

Dem nächsten Termin auf der Prüfstelle in der 200km entfernten bayerischen Heimat sollte also nicht mehr im Wege stehen. Der war schließlich auch schon am nächsten Tag. Glücklich fuhren wir spätabends mit neuem Kurzzeitkennzeichen noch zurück, als 30km vor dem Ziel plötzlich nichts mehr ging. Wieder einmal blieben wir nachts liegen und mussten auf den ADAC warten. Auch hier suchte die Werkstatt wieder über Tage nach dem Problem, ohne Erfolg. Der eigentliche Prüftermin längt verstrichen. Ein paar Schellen an den alten Kraftstoffleitungen wurden getauscht und wir konnten das Fahrzeug am letzten Gültigkeitstag des Kurzzeichenkennzeichens wieder übernehmen. Auf wundersame Weise lief er wieder ohne Probleme.


In der Mittagspause zur Prüfstelle

Also schnell in der Mittagspause, 30km zur Werkstatt fahren – und dann ab zur nächstgelegenen TÜV-Stelle. War zwar nicht der angedachte, aber der hatte immerhin einen kurzfristigen Termin für uns. Das Gutachten zum Wohnmobil stellte sich in unserem Fall als sehr unproblematisch dar. Lediglich der Funkmast wurde genauer begutachtet, dessen Funktion hinterfragt und die Fahrzeugbreite und Höhe genau vermessen. Als Jenni erläutere er sei zum Aufhängen des Duschsacks und anbot sie könne ihn auch kurz abflexen wurde er aber durch genickt. Nachdem das Wohnmobil Gutachten erfolgreich erstellt wurde, konnten wir den Dicken endlich als Wohnmobil über 2,8t umschreiben lassen. Ab jetzt war unser Dicker offiziell ein Wohnmobil mit dem wir durch Europa reisen konnten. Selten waren wir so glücklich! 

Wir schafften es sogar mit dem Bus bis nach Hause in die Landeshauptstadt. Bei der ersten Ausfahrt am Wochenende drauf, sollte er allerdings bereits wieder 10km hinter der Münchner Stadtgrenze liegen bleiben. Diesmal fixten wir das Problem provisorisch selbst, zumindest kamen wir damit weiter zum 100km entfernten Ziel. Nachdem wir dort alle Kraftstoffleitungen getauscht hatten, den völlig dichten Filter der Kraftstoffpumpe gesäubert und die fehlende Dichtung des Tanks ersetzt hatten – trat unser Problem übrigens bis dato nie wieder auf. 


Vom Wohnmobil zum historischen Fahrzeug

Endlich wieder in Innenstädte fahren

Nachdem der Dicke die Altersgrenze zur H-Zulassung ja mehr als erreicht hatte, lies uns das Thema nie ganz los. Geisterte immer im Hinterkopf. Neben den steuerlichen Ersparnissen reizte uns natürlich auch die Chance in viele Innenstädte unter anderem auch die unserer Heimatstadt ohne Bedenken einzufahren. Da wir maximal die schwarze Plakette mit Totenkopf bekommen würden, waren Umweltzonen für uns bis dato tabu.

Die Prüfstelle die uns den Dicken zum Wohnmobil abgenommen hat, hätte ihn uns auch als H-LKW mit gut gesicherter Ladung abgenommen. Hier wären aber die Versicherungskosten so ins unermessliche gestiegen, dass die steuerlichen Ersparnisse hinfällig waren. Zumal was, wenn die Polizei im Falle eines Unfalls, die Ladung eben nicht als Ladung akzeptiert?! Also haben wir den Gedanken erst einmal wieder verworfen und fuhren weiter als Wohnmobil durch Europa. 


Und alles hat mit den Reifen begonnen

Als wir uns auf unsere Weltreise Anfang 2020 vorbereiteten, war uns schnell klar – wir brauchen neue Reifen. Unsere hatten schließlich noch nicht einmal eine DOT Kennzeichnung. Zumal wir davon ausgingen, dass weite Teile der Strecke nicht dem mitteleuropäischen Straßenstandard entsprechen würde, sollten es eben auch eine geländegängigere Befreiung werden. Reifen der AT-Klasse für die ursprünglichen 14´´Felgen mit passender Traglast zu finden stellte sich als fast unmöglich heraus. Als wir also mit unserem Schrauber des Vertrauens über mögliche Reifen-Felgen-Kombinationen quatschen, bringt dieser noch einmal das Thema H-Zulassung auf den Tisch. Mit ein bisschen Schweiß- und Lackarbeit, einer neuen Unterbodenversieglung und zwei drei kleineren kosmetischen Korrekturen sah dieser die H-Zulassung als durchaus realistisch und wollte das gleich mal mit seinem Prüfer des Vertrauens besprechen. Und das trotz der angedachten neuen 15´´Felgen-AT-Reifen Kombi und der bereits verbauten neuen Standheizung. Die neuen Reifen seien ja durchaus auch als zeitgenössisch zu betrachten, die Felge gab es so ja damals auch schon, so unser Schrauber, und die Dachterasse sei ja ohnehin nur Ladung. Unser Schrauber meldete uns also rück, dass die Umtragung bei einem zeitgenössischen Umbau auch für den Prüfer als nicht unmöglich erschien. Wichtig sei nur, dass keine moderne Elektronik sichtbar verbaut sei.


TÜV Vorraussetzungen fürs H

Das hieß also für uns alle USB-Stecker zeitgenössisch abdecken und ein antiquarisch erscheinendes Drehregler-Bedienmodul für die Standheizung verbauen. LED-Displays gab es wohl vor 33 Jahren noch nicht. Bedingend wäre natürlich auch eine neue HU+AU. Also greifen wir wieder einmal tief in die Reisekasse, lassen Lack- und Rostarbeiten professionell machen und basteln was das Zeug hält am zeitgemäßen Look. Einen Tag nach Ablieferung beim Schrauber erhalten wir schon die positive Rückmeldung, dass er als historisches Fahrzeug durchgehen und ein Gutachten bekommen wird. Wir wollen es gar nicht glauben und sparen uns unsere Freude für den Moment auf, in dem wir das offizielle Schriftstück in den Händen halten werden. 

Das soll nämlich dank Lockdown noch 14 Tage dauern. Als wir ihn dann aber zum ersten Mal wieder sehen, auf Hochglanz poliert, ohne Durchrostungen dafür aber mit neuen Schuhen und mit hoch offiziellem H-Gutachten zerspringt uns fast das Herz vor Glück. Blöd nur, dass die Zulassungsstelle derzeit geschlossen hat. Also dauert es noch einmal 14 Tage bis wir überglücklich das neue Kennzeichen mit dem schicken H in den Händen halten dürfen. 


Ein wichtiger Hinweis zum Abschluss

Wir können hier nur unseren individuellen Einzelfall schildern. Grade zwischen den einzelnen Prüfstellen und Bundesländern scheint es himmelweite Unterschiede zu geben, die Gesetzeslage sowie die Rahmenbedingungen können sich natürlich mit der Zeit verändern oder anders ausgelegt werden. Wir empfehlen jede geplante Einzelabnahme vorab mit eurer Prüfstelle des Vertrauens abzustimmen und genau zu erfragen, auf was es dem Prüfer ankommt. 

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Sophie

    Ach, ich liebe euren Bus so! Wie schön, dass es geklappt hat 🙂 Bei unserer Rostmühle (einer alten Mercedes Feuerwehr) sehe ich für das H-Kennzeichen schwarz. Aber ich würde gerne wissen, wo ihr den Dicken als Wohnmobil versichert hattet, habt ihr da einen Tipp?

    1. Flo

      Hallo Sophie,
      es gibt sehr viele Versicherungen für Wohnmobile. Wir sind bei der VHV. Haben hier jedoch “nur” die Haftpflicht. Uns wurde damals mitgeteilt dass bei unserem Fahrzeughalter nur Haftpflicht bei der VHV möglich ist. Eventuell bieten andere Versicherer auch Voll- oder Teilkasko anbieten.