Der lange bürokratische Weg in die Freiheit

Wir hatten also den Entschluss gefasst – wir wollen Vollzeitreisende werden. Also fingen wir an zu überlegen, was wir alles tun müssen, damit sich dieser Wunsch realisieren lässt. Schnell merkten wir dieser Weg wird ein bürokratischer sein. 

Nachfolgend schildern wir auf Basis unserer individuellen Erlebnisse und damaligen Recherchen „unseren Weg“. Selbstverständlich sind alle Angaben ohne Gewähr, dieser Beitrag erhebt keinen Anspruch auf juristische Vollständig- und Richtigkeit. Wir haben erlebt, dass es teils erhebliche Unterschiede bei der Umsetzung von Stadt zu Stadt und Kommune zu Kommune gibt. Im Zweifelsfall erkundigt euch direkt bei eurem örtlich und fachlich zuständigen Amt / Behörde.


Abmeldung des Wohnsitzes bei Beibehaltung eines auf einen selbst zugelassenen Fahrzeuges

Gemäß §17 Abs. II Bundesmeldegesetz (BMG) muss man sich, insofern man aus einer Wohnung auszieht und keine neue Wohnung im Inland bezieht, binnen zwei Wochen nach dem Auszug bei einer Meldebehörde abmelden. Unterlässt man dies, ist es im besten Fall eine Ordnungswidrigkeit. Wir haben allerdings auch schon von gruseligen Urteilen und Einzelfällen mit teils immensen Strafzahlungen gehört. 

Im Internet gibt es zahlreiche Vergleiche welche Gründe für und welche gegen die Abmeldung des Wohnsitzes in Deutschland sprechen. Da wir nicht planten direkt wieder eine Wohnung in Deutschland zu beziehen und vor allem eine gewisse Rechtssicherheit wollten, um unterwegs keine bösen Überraschungen zu erleben, war für uns der Entschluss gefasst – wir wollten den Wohnsitz ordnungsgemäß abmelden. Zumal mit einer Abmeldung auch die deutsche Krankenversicherungspflicht erlischt, eine Abmeldung von der GEZ möglich war, wir keiner direkten Kommune mehr unterliegen und wir für viele Verträge das somit entstandene Sonderkündigungsrecht nutzen konnten. Ähnlich wie bei der damaligen Anmeldung des Wohnsitzes erfolgt die Abmeldung auf dem bis dato zuständigen Einwohnermeldeamt. 

Um in Deutschland ohne festen Wohnsitz weiter als Halter einen Fahrzeuges eingetragen sein zu können, wird ein so genannter Empfangsbevollmächtigter gem. § 46 Abs. 2 Fahrzeug-Zulassungsverordnung (FZV) benötigt. Einige wenige Gemeinden bieten hierzu online bereits ein Vordruck-Formular an. Dieses kann auch hilfreich sein, insofern die eigene Gemeinde / Stadt das Vorgehen zur Hinterlegung eines Empfangsbevollmächtigten bis dahin nicht kennt. An den Empfangsbevollmächtigten gehen dann alle KFZ-Steuerbescheide, eventuelle Blitzertickets, Ladungen und beispielsweise Mautbescheide, welche über die Ermittlung der Anschrift versendet werden. Die Hinterlegung eines Empfangsbevollmächtigten erfolgt in größeren Städten / Kommunen meist bei der Zulassungsstelle der zuständigen Behörde. Ihr bleibt selbst Halter des Fahrzeuges. Dies ist unter anderem bei Grenzübertritten im Nicht-EU-Ausland von Vorteil. Häufiger Vorschlag der Kommunen war nämlich aus Unwissenheit das Fahrzeug einfach auf eine andere Person mit festem Wohnsitz in Deutschland zuzulassen. Der Empfangsbevollmächtigte verpflichtet sich lediglich euch die Kommunikationen ohne schuldhaftes Zögern zukommen zu lassen.  

Bevor wir gestartet sind, hatten wir unseren Hauptwohnsitz in der bayerischen Landeshauptstadt München. Die Abmeldung des Wohnsitzes hätten die Mitarbeiter vor Ort auch direkt umgesetzt. Allerdings hätten diese uns auch gleichzeitig unser Fahrzeug still gelegt. Da laut diesen ja beispielsweise Obdachlose kein Fahrzeug haben dürften, was nicht nur Diskriminierung sondern auch schlichtweg rechtlicher Humbug ist. Beim zweiten Termin vor Ort mit anderem Ansprechpartner, hätten wir dann sogar einen Empfangsbevollmächtigten hinterlegen können. Allerdings wurde uns erklärt, dass dieser zwingend im gleichen behördlichen Verantwortungskreis mit Hauptwohnsitz wohnhaft sein muss, da die Bearbeitungssoftware einen anderweitigen Eintrag nicht zulässt.

Für uns war es schlussendlich die praktikabelste Lösung, dass wir uns kurzfristig bei Flos Papa mit Erstwohnsitz meldeten, da wir nach Auflösung der Wohnung bis zur finalen Abfahrt dort auch mehrheitlich unterkamen. In der dortigen kleinen Gemeinde waren die Mitarbeiter sehr bemüht und klärten mit allen möglich Stellen unseren dortigen Erstfall. Nach zwei, drei durch aus kuriosen Vorschlägen, wie das wir beispielsweise einfach in jedem Land durch das wir fahren, einen Wohnsitz und dann auch das Fahrzeug dort anmelden sollen, konnten wir doch recht einfach das im Gesetzestext beschriebene Verfahren umsetzen. Bei uns hat dies circa 10 Arbeitstage gedauert, bis wir endlich den Aufkleber „Keine Wohnung in Deutschland“ im Pass hatten, weiter Fahrzeughalter waren und einen ordnungsgemäßen Empfangsbevollmächtigten hinterlegt hatten. Die Abmeldung ist gemäß BMG frühestens eine Woche vor Auszug möglich, unsere Empfehlung ist das Prozedere auch zum frühestmöglichen Zeitpunkt zu beginnen um dann auch schnellstmöglich los reisen zu können. 

Lasst euch nicht von Fehlaussagen beunruhigen, sondern beruft euch auf den Gesetzestext. Ein Mitarbeiter des Callcenters eines sehr bekannten Automobilclubs, wollte uns basierend auf seiner „Polizeiruf“ Fernseh-Erfahrung versichern, dass wir ohne festen Wohnsitz direkt verhaftet werden würden und im Gefängnis landen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele Behörden genau zwei Fälle kennen, wann eine Person den Wohnsitz abmeldet. Variante 1 ist der Verzug ins Ausland um dort zu arbeiten, Variante 2 ist die Obdachlosigkeit. Variante 2, die Obdachlosigkeit ist übrigens näher dran was denn organisatorischen Ablauf angeht.

Wichtig ist auch, dass die Abmeldung des festen Wohnsitzes in Deutschland nicht gleichzusetzen ist mit dem Verlust der deutschen Staatsbürgerschaft. Bei Abmeldung des Wohnsitzes in Deutschland besteht die deutsche Staatsbürgerschaft weiter fort. Man wird nicht staatenlos, man bekommt lediglich einen Aufkleber auf den Ausweis „Keine Wohnung in Deutschland“.


Internationaler Führer- und Fahrzeugschein

Da wir planten unseren Dicken auch im Nicht-EU-Ausland zu fahren, benötigten wir sowohl einen internationalen Führerschein als auch einen internationalen Fahrzeugschein. 

Obacht, es gibt zwei verschiedenen internationale Führerscheine. Diese basieren auf zwei verschiedenen Abkommen und sind jeweils in unterschiedlichen Ländern gültig. Auch in der Gültigkeitsdauer unterscheiden sich die beiden Dokumente. Der internationale Führerschein nach dem Abkommen vom 24.04.1926 gilt beispielsweise in Ägypten, Argentinien, Chile, Indien, Irak, Irland, Island, Libanon, Mexiko, Sri Lanka, Syrien, Türkei und Thailand und hat ab Ausstellung eine Gültigkeit von einem Jahr. Für die meisten übrigen Nicht-EU-Staaten wird der internationale Führerschein gemäß Abkommen vom 08.11.1968 benötigt, dieser hat eine Gültigkeit von drei Jahren. Vorab informieren, welchen ihr für eure Route benötigt, lohnt sich also. 

Der internationale Führerschein ist übrigens nur in Verbindung mit dem regulären nationalen Führerschein gültig. Diesen Zuhause lassen ist also keine Option. 

Der internationale Fahrzeug ist eine Übersetzung des nationalen Fahrzeugscheins in mehrere gängige Sprachen und ist lediglich ein Jahr ab Ausstellung gültig. Er gilt wohl in den Staaten gem. Abkommen von 1926 – aber auch nach Ablauf und im anderweitigen Ausland kann er im Fall der Fälle eine gute Übersetzungshilfe sein. 


Carnet de Passage 

Die Carnet ist quasi der Reisepass des Fahrzeuges und ist für die Ein- und Ausreise in/aus viele/n Nicht-EU-Länder zwingend nötig. Der ADAC hat hier eine gute Aufstellung zu Kosten und welche Carnet wo benötigt wird und was diese kostet. Bei diesem Automobilclub kann die Carnet unter anderem auch beantragt werden, für ADAC Mitglieder eben günstiger. Eine Verlängerung und Versendung weltweit ist wohl abhängig von den nationalen Postzustellern recht unproblematisch möglich, so die Aussage einer Mitarbeiterin bei eben jenem Automobilclub. 

Mehr zu unserer Erfahrung sobald wir sie beantragen und nutzen können, sprich wir ins Nicht-EU-Ausland mit dem Dicken reisen können. 


GEZ-Abmeldung

Mit Abmeldung des Wohnsitzes ist auch die Abmeldung der GEZ möglich und nötig. Ein entsprechendes Formular findet ihr online auf den GEZ Seiten. Ohne diese Abmeldung haben wir schon von horrenden Zahlungsforderungen gehört. 


Auslandskrankenversicherung

In Zeiten in denen für fast ziemlich jedes Land obgleich ob EU oder Nicht-EU eine Reisewarnung durch das auswärtige Amt ausgesprochen ist, ist es wichtig, dass die Auslandskrankenversicherung auch in solchen Regionen / Ländern weiterhin gilt. Ein weiteres Ausschlusskriterium ist übrigens häufig die Notwendigkeit eines festen Wohnsitzes in Deutschland. 

Möchte man also eine Auslandskrankenversicherung, welche im Ausland auch beim Bestehen einer Reisewarnung und ohne festen Wohnsitz in Deutschland gilt, wird die Auswahl der Versicherungsunternehmen schon recht klein. Wir hatten vor Antritt unserer Reise die STA Langzeitreisekrankenversicherung abgeschlossen. Leider meldete das Unternehmen zwischenzeitlich Insolvenz an und versicherte nicht mehr im Risikogebiet, auch wenn diese Reisewarnung nur aufgrund Covid 19 bestand. Um den Spießrutenlauf zu entgehen, ob wir am nächsten Morgen in einem Risikogebiet aufwachen oder nicht, entschlossen wir uns eine andere Krankenversicherung abzuschließen. 

Zu diesem Zeitpunkt hatten wir die Reise bereits angetreten und der Wohnsitz in Deutschland war bereits abgemeldet. Wir entschlossen uns also für die im Vergleich etwas teurere Dr. Walther ProTrip World. Hier war der Abschluss online auch nach Reiseantritt und ohne festen Wohnsitz möglich. Die Versicherung greift zudem auch im Risikogebiet und deckt auch Erkrankungen durch Covid19 ab. Größtes Manko – die Versicherung kann maximal für zwei Jahre am Stück abgeschlossen werden.

Wir haben gesehen, dass manche Versicherungsunternehmen mittlerweile differenzieren – auf welcher Basis die Reisewarnung ausgesprochen wurde. Und weiter versichern, sollte diese nur aufgrund Covid19 bestehen. Also Augen auf beim Versicherungskauf. Wir empfehlen sich persönlich zu visualisieren, welche Kriterien eine Langzeitauslandsreisekrankenversicherung für einen individuell erfüllen muss und sich dann durch das Kleingedruckte zu quälen. Welche Krankenversicherung für euch die richtige ist, könnt nur ihr selbst für euch entscheiden.

Für uns wichtige Punkte im Vergleich der Anbieter waren die Folgenden: 

  • Gültigkeit auch ohne festen Wohnsitz in Deutschland
  • Gültigkeit auch in durch Deutschland definierten Risikogebieten
  • Weiterversicherung für eine gewisse Zeit im Heimatland 
  • Rücktransport im Falle einer medizinisch sinnvollen und nicht nur notwendigen Behandlung

Viele Versicherungen decken auch nur Akutbehandlungen und keine Vorsorge / Präventivbehandlungen ab. Wobei die Prophylaxe beim Zahnarzt in vielen Ländern vermutlich auch privat durchaus erschwinglich ist. 

Mit Abmelden des Wohnsitzes in Deutschland entfällt auch die Sozialversicherungspflicht. Spricht man muss nicht mehr in gesetzliche Kranken-, Arbeitslosen-, Pflege-, Unfall-, Rentenversicherung einzahlen – hat aber auch eben keinen Anspruch auf Leistungen aus dieser. Sprich eine deutsche gesetzliche Krankenversicherung würde ohne Wohnsitz in Deutschland auch keine Leistungen erbringen. Daher war uns wichtig, dass die Langzeitauslandsreisekrankenversicherung auch eine bestimmte Zeit im Heimatland greift. Sei es wenn wir auf Heimaturlaub sind, wenn einer aus persönlichen Gründen kurzfristig zurückreisen muss oder eben wenn wir im Ernstfall zurück ins Heimatland aufgrund einer medizinisch notwendigen Behandlung müssen. Meist bewegt sich der Zeitraum um maximal sechs Wochen je Kalenderjahr oder Versicherungsperiode. Vergleichen lohnt sich also auch hier.


Versicherungen im Allgemeinen 

Achtung auch viele weitere Versicherungen wie KFZ-Versicherungen, Inhaltsversicherungen etc. greifen nur bei festen Wohnsitz! Wir haben allerdings auch schon gehört, dass bei Anfrage bei seinem Versicherer, direkt eine Prüfung des Sonderkündigungsrechts hinterlegt wurde. Also Achtung, was man wo, wie und vor allem wem sagt. 

Eine Option ist bei manchen Versicherungen gegebenenfalls, als Versicherungsnehmer eine weitere Person mit festen Wohnsitz in Deutschland eintragen zu lassen, bei Fortführung der Halterschaft auf die eigene Person.


Banken / Kreditkarte

Ein weiterer Punkt sind Banken / Konten / Kreditkarten. Einige Banken lassen das Konto nicht ohne festen Wohnsitz weiterlaufen. Unsere Erfahrung war hier recht positiv, da die Fortführung bei all unseren Konten auf Rückfrage möglich war, insofern es eine Postanschrift gibt. Nur die Eröffnung beispielsweise eines weiteren Kontos, wie eines Tagesgeldkontos oder die Änderung des Kreditkartenlimits, wäre wohl bei manchen Instituten nicht möglich. Wir konnten also unsere regulären Girokonten samt Kreditkarten bei der DKB sowie der ING problemlos fortführen. Wir wollten nicht auf ein Pferd setzen, daher haben wir die Konten bei zwei Instituten fortgeführt, sollte eines der Institute die Konditionen verändern. 

Allerdings gilt es bei den Kontoführungsgebühren genauer hinzusehen. Viele bis dato kostenfreie Konten werden nämlich ohne monatlichen Mindest-Gehaltseingang von meist 700 Euro kostenpflichtig. 

Wir wechseln in der Regel nie Geld vor Ort sondern heben schlichtweg wie Zuhause mit der Kreditkarte am Bankautomaten / ATM ab. In der Regel ist hier der Wechselkurs fairer als in einer der dubiosen Wechselstuben. Die Kosten für die Auslandsabhebung mit der VISA Karte werden bei unseren Banken mit Einreichung der Belege rückerstattet. Grade bei Kreditkarten sind häufig Länderfreischaltungen nötig, beispielsweise für Südamerika. Prüft vorab ob eure Kreditkarte im Nicht-EU-Ausland gültig ist und ob ihr eventuell Länder eurer Route freischalten lassen müsst, in unserem Fall ging dies einfach übers Online Banking. 

Jenni wurde die Kreditkarte schonmal gesperrt, da sie zu schnell gereist ist und die Abhebungen nach Betrug aussahen. Das Konto konnte damals – zugegeben schon neun Jahre her – nur in Persona wieder entsperrt werden. Seitdem haben wir längere Reisen der Bank immer vorab angekündigt um solche Thematiken zu vermeiden.


Gewerbe

Wir hatten bereits ein Gewerbe in München im Bereich Onlinemarketing angemeldet und wollten dies auch fortführen, um weiter ordentliche Rechnungen stellen zu können. Da wir ein Kleingewerbe sind und den Steuerfreibetrag in der Regel nicht überschreiten und somit auch nicht von einer Steuerfreiheit eines Unternehmens in den Bahamas etc. profitieren würden, war die Fortführung rentabel. Nach Ummeldung in die Gemeinde von Flos Papa, klärten wir auch dort das Thema Beibehaltung des Gewerbes ohne festen Wohnsitz in Deutschland vor Ort. Bei uns war lediglich relevant, dass es weiter eine Firmenanschrift mit einem Empfangsbevollmächtigten gibt. Dies hatten wir, somit konnten wir auch ohne festen Wohnsitz unser Gewerbe problemlos weiterführen. Es wurde keinerlei Eintragung oder ähnliches vorgenommen.


Postanschrift

Abweichend zur Meldeanschrift besitzen wir weiter eine Postanschrift. In unserem Fall geht 90% unserer Post relativ easy zu Jennis Mutter. Die macht uns Bilder von allem was so rein geflattert kommt und schickt uns digital alles tagesaktuell zu. Einige haben wohl auch schlichtweg ein Postfach und jemanden der es lehrt und es gibt wohl auch Dienste, welche alle Post scannen und einem digital zusenden. Es gibt also immer einen Weg seine Post regulär zu erhalten.


Nachsendeauftrag

Damit möglichst wenig untergeht, haben wir für volle zwei Jahre einen Nachsendeantrag von unserer bisherigen Münchner Adresse zu Jennis Mutter erstellt. Das geht mittlerweile super einfach und auch relativ kostengünstig online. Auch Pakete die warum auch immer noch an der alten Adresse ankommen, werden so nachgesendet. Allerdings wird für Pakete eine Extragebühr je Sendung erhoben.

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