Warum Houselife?

Es ist der 04.11.2020 kurz vor Mitternacht als uns die Information erreicht – am morgigen Donnerstag soll es eine Pressekonferenz der griechischen Regierung zu einem kommenden Lockdown geben. Ein Lockdown, hier. Fuck. Wir haben grade einen wunderschönen Platz in der einsamen Wildnis zwischen Meer und Bergen gefunden. Waren so glücklich diesen Traumplatz gefunden zu haben und nun diese Nachricht. Sicher ganz unwahrscheinlich war es nicht. Wir haben immer damit gerechnet, irgendwann auf unserer Reise festzuhängen. Aber jetzt, nachdem die Regierung grade vorgestern, das Land erst in zwei Regionen unterteilt hatte. Grade neue Maßnahmen erlassen waren. Direkt wieder neue Maßnahmen. Die Stimmung ist irgendwo ganz tief im Keller. 

Wir wissen nicht welche Ausmaße der griechische Lockdown annehmen wird. Die Gerüchte sprechen von einen harten Lockdown mit Ausgangsbeschränkungen und Reiseverboten. Die Stimmung im Land ist wahnsinnig angespannt. Wir hatten uns so auf den Wochenmarkt am Donnerstag gefreut, also fahren wir dennoch hin und machen direkt einen Großeinkauf. Wer weiß ob die Märkte aufbleiben dürfen. Wir gehen in ein Café wo uns die Kellnerin quasi live die Pressekonferenz übersetzt. Harter Lockdown ab dem 07.11.2020 zunächst für drei Wochen bis Ende November. Mit Ausgangssperre zwischen 21:00 und 05:00, zwischen 05:00 – 21:00 darf man seine Wohnung nur aus sechs triftigen Gründen verlassen. Wir haben kein festes Zuhause. Wir leben in unserem mobilen Heim. Auch in der Heimat besitzen wir kein Wohnsitz mehr. Der Weg zurück ist für uns keine Option. Auch unsere Krankenversicherung würde nur 6 Wochen im Jahr in Deutschland greifen. Wir sind verunsichert, wissen wir nicht wie strikt einerseits der Lockdown geahndet wird, lassen die Behörden unser mobiles Heim als Zuhause gelten und andererseits wie die Stimmung in der Bevölkerung sein wird. Wir möchten kein unnötiges Salz in die frische Wunde streuen und durchforsten das Worldwideweb nach einer Behausung aus Stein. Möglichst erschwinglich soll sie sein und dennoch so, dass wir uns dort gegebenenfalls für eine längere Zeit wohlfühlen können. Uns ist wichtig, dass es eine Waschmaschine gibt. Unser Wäschekorb platzt schon aus allen Nähten. Auch warmes Wasser, Backofen, Heizung und Wifi wären schön. Die erste Wohnung mit der wir schreiben, hat plötzlich keine Waschmaschine mehr, ist dafür aber ganz schön teuer. Die zweite Wohnung möchte plötzlich nur noch einen privaten Mietvertrag und nicht über die Buchungsplattform schließen. Der Vertrag stellt sich als äußerst dubios heraus. So finden wir unser kleines Häuschen zwischen Meer und Olivenhainen. Es soll ganz neu sein, eine Heizung gibt es  nicht, aber eine Klimaanlage welche wohl ein bisschen heizt. Das Wifi ist auf 30GB pro Buchungsmonat begrenzt. Wir müssen das Haus selbst putzen. Egal, das ist unser Deal. Erstmal für vier Wochen. Bei Einzug stellen wir fest, dass die Bilder wirklich gut aufgenommen waren, sah es doch so aus als ob das Haus alleinstehend wäre und die Sonnenterasse dazu gehören würde. Es stellt sich heraus, dass die Wohnung die alte Garage des Elternhauses unseres Hosts ist. Die Terrasse eigentlich zur leerstehenden Wohnung der Eltern gehört. Sobald unserer Host abgereist ist, dürfen wir diese aber nutzen. Wir verpassen der Wohnung also eine nötige Grundreinigung, staffieren sie mit unserem Equipment aus dem Bus und freuen uns auf die Sonnenterasse. Langsam aber sicher schaffen wir uns ein gemütliches Übergangsheim. Die Wohnung ist wirklich neu und vom Grunddesign gefällt sie uns gut und mit dem Charme des Katastrophenschutzbusses wird es auch heimelig. Auch die ganze Katzenarmada die scheinbar zum Haus gehört trägt nicht unwesentlich dazu bei, dass wir uns schnell wohlfühlen.

 

Wenn Nomaden an Stein gebunden sind

Die erste Woche verstreicht wie im Wind, wir waschen unsere Berge an Dreckwäsche, freuen uns immens über den Backofen und führen direkt den Pizzasamstag ein. Freuen uns darauf eine Postadresse zu haben auch wenn sich der Postempfang auf dem griechischen Hinterland als wahrer Krimi herausstellen soll. Nur die Hoffnung auf eine heiße Dusche bleibt zunächst unerfüllt, das Solarmodul wie auch der Boiler scheinen defekt zu sein. Nach einer halben Woche bekommen wir ein neues Solarmodul. Das heißt bei Sonnenschein endlich heißes Wasser, leider schleichen sich immer Regentage dazwischen. Der Boiler wird vier Tage bevor wir gehen gewechselt. Zum Abschied sollen wir also auch bei Regen und Sturm heiß duschen können. Jeder Vanlifer weiß diesen Luxus zu schätzen.

Ist die Sehnsucht nach dem Bus die ersten beiden Wochen unfassbar groß, merken wir auch wie sehr wir uns schnell wieder an den komfortablen Luxus gewöhnen. Einfach aufzustehen und zu duschen. Aufrecht stehend das Frühstück zuzubereiten, nachts nicht raus ins Kalte zu müssen wenn die Blase drückt und natürlich Toast Hawaii und Granola, dass dank Umluft blitzschnell fertig ist. Da wir fast all unser Hab und Gut in die Wohnung gepackt haben, fühlt es sich fast an als wären wir eingezogen. Als wären wir sesshaft geworden. Aber wir sind einfach noch nicht fertig mit reisen, wir haben so viel vor und nun beschleicht uns das Gefühl unser Traum würde uns von Tag zu Tag mehr entgleiten. Wir merken wie uns die Lethargie immer mehr übermannt, wissen nicht mehr was wir mit uns anfangen sollen,  schaffen es kaum den Bus zu putzen und wieder abfahrbereit zu machen, merken wie wir morgens schwerer aus dem Bett kommen, wie wir unwillig in den Tag zu starten. Wir merken wie uns das Houselife nachdenklich und traurig macht.

Zurück ins Nomadenleben

Der Lockdown endet wie erwartet nicht zum 30.11.2020. Es erfolgen zunächst wochenweise Verlängerungen und dann am 08.12.2020 die Info, dass der Lockdown wohl bis 07.01.2021 verlängert werden soll.  Es werden Lockerungen für den Einzelhandel, Friseure und Kirchen geprüft. Läden die Weihnachtsartikel verkaufen, dürfen ab dem 07.12.2020 wieder öffnen. Die Stimmung im Land ist gut. Zumindest hier auf dem Land, die Menschen sind weiterhin gastfreundlich und entspannt.

Doch was machen wir jetzt. Wir lernen immer mehr Einheimische kennen. Diejenigen die zu Beginn noch skeptisch waren ob Vanille weiter möglich ist, geben uns grünes Licht. Es spräche nichts dagegen irgendwo in der Pampa mit dem Bus zu stehen, solange wir uns unauffällig verhalten. Wir nutzen unsere wöchentliche Ausfahrt zum Markt um Plätze irgendwo im Nirgendwo auszukundschaften, an welchen wir versteckt stehen könnten. Wir lernen eine Ziegenbäuerin kennen, die uns einlädt auf ihrem Land in den Bergen zu stehen. Noch läuft unser Monat im Haus, wir sind aber unfassbar dankbar, eine Option zu haben. 

Wir sprechen mit unserem Vermieter bzgl. möglicher Verlängerungsoptionen. Zu Beginn meinte er, wir sollen uns keine Gedanken machen, er würde uns einen guten Preise machen, sollten wir verlängern. Der gute Preis erweist sich als 10 Euro pro Tag teurer, als der Preis des ersten Monats. Die Entscheidung wird uns also abgenommen. Wir ziehen am 06.12.2020 zurück in den Bus und nehmen das Angebot der Ziegenbäuerin dankbar an.

Wir nutzen den Luxus einer Wohnung die letzte Woche noch einmal voll aus, backen Weihnachtsplätzchen und waschen alles durch. Wir freuen uns nun wieder richtig auf den Bus. Wir denken wir werden vor allem Toilette und heiße Duschen vermissen. Am ersten Tag im Bus stellen wir fest, es ist Tzatziki – die wohl zutraulichste Katze der Gang. Auch wenn wir am ersten Tag wieder ein wenig fremdeln mit dem Leben im Bus, so glücklich sind wir auch zurück zu sein. Unsere Herzen werden mit jedem Sonnenauf- und Untergang im Bus wieder freier, es scheint als löse sich etwas in unser Brust.

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