Reisen während die Welt in Angst erstarrt

Eine der häufigsten Fragen die uns ab Januar 2020 erreicht, ist ob wir aufgrund Covid 19 und der damit einhergehenden globalen Unsicherheit unsere Reise verschieben. Unsere Pläne canceln und in unserem bisherigen Leben verbleiben. 

Eine Frage die sich für uns selbst nie stellt. Nein – wir haben uns bewusst für ein Exitdatum aus unsrem bisherigen Leben entschieden, daran halten wir fest. Die Wohnung und der Job sind bereits gekündigt. Unsicherheit und Ungewissheit werden zu unseren täglichen Begleitern. Wir schmieden einen Fallbackplan sollten am 01.07.2020 touristische Reisen weiter untersagt sein. Wir hätten die Option eine zu diesem Zeitpunkt leerstehende Wohnung in Familienbesitz zu renovieren und könnten dort vorübergehend wohnen. Die Wohnung wurde vor einigen Jahren bereits begonnen zu entkernen, weder Bad noch Küche sind also vorhanden. Die Wohnung befindet sich quasi im Rohbauzustand. Ein Zwischenprojekt mit dem wir 2-3 Monate maximal überbrücken könnten. Wir holen Handwerkerangebote ein und machen uns ein grobes Bild, was zu tun wäre. 

Am 01.07.2020 sind touristische Reisen möglich. Und so starten wir am 02.07.2020 gänzlich ausgebrannt für 10 Tage nach Italien. Mit dem alten Leben abschließen und im neuen Leben ankommen. Nachdem die Abmeldung des Wohnsitzes bei gleichzeitiger Beibehaltung eines auf uns gemeldeten Fahrzeugs mittels Empfangsbevollmächtigten wohnhaft in einem anderen Landkreis nicht möglich war, müssen wir nämlich noch einmal zurück nach Deutschland. Da wir uns bis zur Klärung des Sachverhalts bei Flos´Papa einquartieren, melden wir uns dort regulär an und nehmen hier auch ordnungsgemäß die Wohnsitzabmeldung vor. 

Als dieser bürokratische Akt geschafft ist, geht es für uns weiter. Bis zum Vortag unserer Abreise haben wir uns nicht entschieden wohin es gehen soll. Nach Spanien / Portugal oder doch ins Baltikum, entscheidend sich auch die dort zum dem Zeitpunkt greifenden Einschränkungen. Flos´ Papa wünscht uns bei der Abfahrt ins Baltikum noch viel Spaß in Spanien. Als wir also über Polen ins Baltikum starten haben wir keinerlei Erwartungen und verlieben uns von Land zu Land mehr ins Baltikum. Schier endlose kilometerlange einsame weiße Sandstrände, dunkle Wälder voller Schwammerl die nur darauf warten gesammelt zu werden, wilde Beeren die das Leben von der Hand in den Mund wirklich schmackhaft machen, eine Ehrlichkeit und Wildheit die uns an Skandinavien erinnert. Wir überfahren auf unserem Weg bis nach Tallinn / Estland vier Landesgrenzen. An keiner finden Kontrollen statt, ist Reisen während Covid 19 doch super entspannt? Nachdem wir einen Monat durch die schier endlose baltische Natur getingelt sind, entschließen wir uns ein letztes Mal nach Deutschland zu fahren und uns final von unseren Herzensmenschen zu verabschieden. Diesmal wir es ein Lebewohl auf ungewisse Zeit werden. Auch auf dem Rückweg findet an keiner der Grenzen eine Kontrolle statt.


Und wohin jetzt. Können wir unsere Route fahren?

Nach einer wunderschönen Woche Heimaturlaub geht es für uns los gen Süden. Einschränkungen und baldig drohende Lockdowns lassen uns die eigentlich geplante Route entlang der Küste über Slowenien, Kroatien, Montenegro, Albanien nach Griechenland verwerfen. Dann eben die Route über den Balkan, Österreich – Ungarn – Rumänien – Bulgarien. Wir stehen Ende August 20 Kilometer vor der ungarischen Grenze, warten noch auf ein Paket das voraussichtliche in den ersten Septembertagen ankommen soll. Wir möchten die Zeit nutzen um die Österreichischen Berge zu erklimmen, eventuell eine Weinführung durch eines der zahlreichen Weingüter zu machen, den örtlichen Schwammerlsammlern die Steinpilze weg zusammeln und vieles mehr. Da erreicht uns die Nachricht, dass die Grenze zu Ungarn in zwei Tagen zum 01.09.2020 schließen wird. Unklar ob zeitnah weitere Beschränkungen der Bewegungsfreiheit im Land folgen werden die unter anderem eine Ausreise betreffen könnten. Wir überlegen hin und her. Zwei Optionen scheinen uns realistisch. Zurück nach Italien und ab dort die teure Fähre nach Griechenland nehmen. Aber wenn ab welchem Hafen, die Nummer sicher ab Venedig oder fahren wir bis in den Süden. Die Sonne Süditaliens mit einem gekühlten Aperol in der Hand genießen, klingt nicht uninteressant. Birgt aber auch das Risiko in Italien zu stranden, in dem Wissen das hier der erste Lockdown sehr restriktiv war. Zumal wir schon so häufig in Italien unterwegs waren und es für uns nicht zwingend das vanlifefreundlichste Land Europas ist. Also doch über die Balkanroute. Um 22:00 Uhr des 31.08.2020 fahren mit theatralischer Untermalung eines Gewitters über die Grenze Österreich-Ungarn. Völlig unspektakulär. Keine Kontrolle, nicht einmal ein Grenzbeamter. 

Doch die Tage des Hin- und Hers haben Spuren hinterlassen, lassen unsere alten Bekannten Unsicherheit und Ungewissheit wieder an unsere Seite treten. Wir abonnieren den Panikticker des auswärtigen Amtes, welcher ab sofort unser Email-Postfach zum Platzen bringen soll. Wir sind froh, dass im Betreff das entsprechende Land genannt ist, so wissen wir das wir 90% gewissenhaft ignorieren können. Es stellt sich für uns immer mehr die Frage, wenn wir festhängen – wo würden wir das am Liebsten tun. Schnell lassen wir Klimatabellen der Wintermonate mit in unsere Entscheidung einfließen. Am entspanntesten sieht es wohl in Griechenland aus. Das sind von Ungarn noch drei Landesgrenzen. So lassen wir uns hetzen und nehmen uns viel zu wenig Zeit Rumänien und Bulgarien auf uns wirken zu lassen – in zwei Wochen durchqueren wir beide Länder. 

Es ist nur noch ein Grenzübergang zu Griechenland geöffnet. Kulata – Promachonas, ein negativer PCR-Test und eine Anmeldung per QR Code werden für den Grenzübertritt benötigt. Durch unsere phantastische Community auf Instagram erhalten wir so viele detaillierte Infos, wo der günstigste Test herzubekommen ist, wie man zum Testlabor findet und was wir wo angeben müssen. Den Code und den negativen Test im Gepäck machen wir uns auf zum Grenzübergang. Uns werden Horrorszenarien von sechs bis acht ständiger Wartezeit am Grenzübergang, zusätzlichen Covid-Tests und angeordneter Quarantäne berichtet. Am 10.09.2020 passieren wir die Grenze zu Griechenland mit einer Dreiviertelstunde Wartezeit und ohne größere Zwischenfälle. Wir können es kaum glauben. Wir sind in Griechenland. 


Willkommen in Griechenland und Jamas

Wir wollen wieder langsamer reisen und wir sehnen uns nach mehr Meer. Wir fahren in die Region Chalkidiki, liegen so gut wie jeden Tag am Strand und üben uns in der Kunst des Nichtstuns. Wir lernen fantastische Menschen kennen und kommen im Slow Living an. So verrinnt die Zeit wie im Flug und flux sind wir fast zwei Monate in der Region. Uns wurde so vom Norden Griechenlands vorgeschwärmt, von endlosen Maronen-Alleen, von Herbstwäldern, von traumhaften heißen Quellen und hohen Bergen. Genau auf dem Rückweg eines solchen Berges versagen unsere Bremsen. Das Ersatzteil soll voraussichtlich in einer Woche kommen. Als wir also ohne reale Bremskraft an einem Brackwassersee an der öffentlichen Badestelle verweilen und auf das Teil warten, erreicht uns die Nachricht, dass Griechenlands Regionen in unterschiedliche Einschränkungskategorien eingeteilt wurden. Die beiden Regionen südlich von uns sind bereits „rot“. Eine Ein- und Ausreise ist nicht mehr möglich. Der innerliche Druck wächst wieder. Ohne Bremskraft können wir schlecht 500km gen Süden fahren. Also warten und hoffen, dass die eine „orange“ Region unter uns noch offen bleibt und wir gen Süden durchkommen. Denn im Norden wird es jetzt bereits empfindlich kalt, die Standheizung bollert jeden Abend. So haben wir uns überwintern im Süden nicht vorgestellt. 

Kaum ist unsere Bremskraft wieder hergestellt, fahren wir los. Fahren für unsere Verhältnisse viel und lange, bis wir in einer grünen Region ankommen. 

Am darauffolgenden Tag setzen wir auf den Peloponnes über. Ab hier ist das Klima absolut akzeptabel um zu überwintern. Wir reisen wieder langsamer. Fangen wieder an zu entspannen, bleiben wieder mehrere Tage an einem Strand stehen und genießen. Grade haben wir uns den Strand für die nächsten Tage herausgesucht als wir hören, der harte Lockdown kommt. Nun auch in Griechenland. Ab dem 07.11.2020 darf man seinen Wohnsitz nur noch für sechs Gründe mit schriftlicher Genehmigung per Papier / SMS verlassen, ein nächtliches Ausgangsverbot tritt in Kraft. Wir können zu dem Zeitpunkt nicht einschätzen, wie die Bevölkerung zu freistehenden Campern stehen wird. Nach aufregenden Stunden entschließen wir uns ein Haus für erst einmal vier Wochen in Meeresnähe auf dem Land zu mieten. Mit Backofen, Waschmaschine und heißer Dusche. Auch wenn letzteres zu Beginn gänzlich kalt ist, ab der zweiten Woche haben wir mittels Solar bei strahlendem Sonnenschein warmes Wasser. 

Wir verbringen die Tage damit unseren scheinbar unendlichen Vorrat an Dreckwäsche aufzuarbeiten. Backen, arbeiten unseren Wartungsstau am Dicken ab und freuen uns darüber, dass die Klimaanlage auch heizen kann. Wir sind unfassbar dankbar, diesen Lockdown am Meer im Verhältnis zu Deutschland noch recht warmen Griechenland verbringen zu können. Und dennoch mit jedem Tag vermissen wir das Leben im Dicken mehr, die Freiheit die uns täglich schon mit dem ersten Kaffee um die Nase weht, das Leben in der Natur. Wir fühlen und müde und träge, wir schlafen wieder jeden Tag länger und haben das Gefühl unsere innere Ruhe gerät langsam aber sicher wieder in ein Ungleichgewicht. Unsere Ausflüge zum Lebensmitteleinkauf werden zum Wochenhighligt und unsere Rückwege immer länger. 

Die Stimmung in der Region ist entspannt, die erste Unsicherheit legt sich. Wir lernen unsere Nachbarn per Gespräch über den Gartenzaun kennen und merken immer mehr wenn wir ein uneinsichtiges Fleckchen Erde ohne großen Publikumsverkehr irgendwo in der Pampa finden, ist eine Rückkehr in den Bus nicht ausgeschlossen. 

Am 06.12.2020 läuft unser Monat Houselife aus und wir ziehen zurück in den Bus. Was für ein befreiendes Gefühl. Wir haben die Möglichkeit auf dem Grund einer Ziegenbäuerin, die wir bei einem Spaziergang kennengelernt haben, inmitten der Berge zu stehen. Es fühlt sich überragend an. Endlich wieder frei – endlich wieder Zuhause.

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