Freistehen vs. Wildcampen

Kaum ein Thema scheint die Gemüter derzeit so zu erhitzen – Wildcamping, Wiederherstellung der Fahrtüchtigkeit, Parken über Nacht, Freistehen mit dem Camper. Viele Namen für am Ende die gleiche Handlung. Menschen mit entsprechendem Wohnmobilen und anderweitigen bewohnbaren Fahrzeugen möchten eine oder mehrere Nächte an einem wunderschönen Fleckchen Erde über Nacht verbringen. Was vor ein paar Jahren noch eine Einzelerscheinung war, wird immer mehr zum Massenphänomen. Ja die Campingszene hat in den vergangenen Jahren erheblich an Zuwachs gewonnen, nicht zuletzt in den letzten Covidjahren.

Die schwarzen Schafe gibt es auch beim Vanlife

Selbstverständlich wächst mit der Gesamtmasse auch der Anteil der schwarzen Schafe. Nur wie der Mensch so ist, erinnert er sich an die negativen Erlebnisse besonders gern. Und auch wir haben es schon so oft mit erlebt. Auf öffentlichen Parkplätzen wird quer parkend die Markise ausgefahren, die Bodenplane ausgelegt, die Liegestühle und der Gartenzwerg aufgestellt. Wir haben die Massen an menschlichen Hinterlassenschaften samt Klopapiertopping an den beliebten Hotspots gesehen als auch den Müll der in den Büschen lag.

Ja manches wird sicher von Tagestouristen oder auch den Locals vor Ort hinterlassen worden sein. Aber grade in Gegenden in denen das Thema Wildcamper ohnehin schon politisch diskutiert wird, werden eben jene Hinterlassenschaften auch gern der Vanlifecommunity zugeschrieben. Und das defekte Chemieklo im Gebüsch wird zugegebenermaßen kaum einem Wanderer aus dem Rucksack gefallen sein. 

Freistehen vs. Campingplatz

Wir stehen in der Regel zu neunzig Prozent frei. Auf Wohnmobil- und Campingplätzen sind wir meist nur anzutreffen wenn wir Sehnsucht nach einer heißen Dusche haben, in Städten und hochfrequentierten Orten verweilen oder der Wäschekorb mal wieder überquillt. Wir können die Sehnsucht nach der Wildnis also definitiv nachvollziehen. 

Sollte es dein Bedürfnis sein sorglos eben Tisch und Stühle aufzustellen und sich ein gemütliches Camp einzurichten, ist gegebenenfalls ein offizieller Stellplatz eher die Wahl für dich. Nur weil es „in“ ist mit dem Camper freizustehen, bedeutet es ja nicht, dass es für dich das Richtige sein muss.


Guide für das Freistehen mit dem Camper

Camper sind keine Rudeltiere

Solltet ihr einen Spot anfahren, an welchem schon ein Fahrzeug steht, hinterfragt ob ihr euch hier noch dazu stellen solltet. Oder ob ihr dann die Parzellen auf dem Campingplatz imitiert. Solltet ihr einen großen Spot anfahren auf dem schon ein weiteres Fahrzeug steht, haltet ausreichend Abstand und stellt euch nicht direkt daneben. Ihr habt es ja auch nicht gern wenn euch jemand ins Wohnzimmer guckt, oder?

Platz sauberer hinterlassen, als man ihn vorgefunden hat

Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, seine eigenen – auch die menschlichen – Hinterlassenschaften immer wieder mitzunehmen. Gerne kann man aber auch mal den Müllbeutel auspacken und den hinterlassenen Unrat seiner Vorgänger beseitigen. Wir stehen doch schließlich alle an einem schönen sauberen Platz und so kann man direkt das Karmakonto wieder ordentlich füllen. Hierfür empfehlen wir dir die Anschaffung einer Müllzange und Handschuhe (alternativ geht auch einfach eine alte Grillzange). So können selbst die Taschentücher eingesammelt und mitgenommen werden.

Kein Campingverhalten beim Freistehen

Auch das sollte eigentlich mehr als selbstverständlich sein. Scheint aber genau der Punkt zu sein, an dem sich die meisten schwarzen Schafe schwer tun. Beim Freistehen mit dem Camper geht es am Ende auch um den Einklang mit der Natur und nicht darum seinen Plastikflamingo am fotogensten im Sonnenuntergang auf dem 3x5m großen Outdoorteppich neben der Feuerschale zu platzieren. Auch wir sitzen mal an unserem Klapptisch mit unseren Stühlen draußen. Aber nur wenn wir das Gefühl haben, dass wir uneinsichtig genug geparkt haben und niemand stören. Den großen Tisch heben wir uns für die wenigen Gelegenheiten auf offiziellen Stellplätzen, Plätzen mit offizieller Genehmigung des Besitzers oder für Länder in denen das offiziell erlaubt ist auf.

Rücksichtnahme gegenüber Anwohnern und anderen Campern

Stell dir vor, vor deiner Haustüre würden Tag ein, Tag aus Wohnmobile stehen. Und dir eventuell die schöne Aussicht auf die Berge, auf den See oder auf das Meer versperren. Und dann siehst du noch wie da jemand seinen Müll in der Hecke entsorgt oder dir direkt vor die Einfahrt bieselt. Oder wie fändest du es, wenn du auf dem Wanderparkplatz der Standard-Hausrunde keinen Parkplatz mehr bekommst, da die Wohnmobile schräg über 4 Parkplätze parken.

Wir parken falls irgendwie möglich nicht in Sicht- und Hörweite von Häusern. In der Offseason sind Ferienhäuser an Küstenregionen oft gänzlich verlassen. Ob das der Fall ist sieht man aber schnell an den dauerhaft geschlossenen Fensterläden. Sollte man einen Spot finden der einem gefällt und man sieht einen Anwohner, kann man im Zweifelsfall aber auch einfach höflich fragen ob es in Ordnung ist, wenn man dort eine Nacht parkt.

Nicht mit dem Camper auf landwirtschaftlich genutzten Flächen parken

Von Freunden mit Landwirtschaft haben wir immer wieder von dem Problem gehört, dass Camper auf landwirtschaftlich genutzten Flächen parken. Das führt nicht nur zu Problemen wenn man sich im weichen Gras oder Acker festfährt und das Gelände direkt umpflügt. Auch Bodenverdichtung oder Unbrauchbarkeit des Wiesengrases als Futtermittels sind häufige Themen. Beides verursacht einen teils erheblichen wirtschaftlichen Schaden beim Erzeuger. Und damit einhergehend natürlich auch großen Unmut auf die Camperszene.

Auf Geotagging verzichten

Apps wie Park4Night, iOverlander und co sind praktisch, geben wir zu. Aber auch gefährlich. Wir mussten in den vergangen Jahren schon häufiger erleben, dass unsere Lieblingsspots an denen wir zu Beginn noch meist allein standen immer höher frequentiert wurden. Meist nachdem diese in Park4Night hinterlegt wurden. Leider sind viele dieser Plätze mittlerweile mit einem „Camping-Verboten-Schild“ versehen. Aus diesem Grund teilen wir unsere Stellplätze nicht, wir möchten nicht der Grund sein, dass weitere Plätze geschlossen werden. 

Schöne und meist viel einsamere Stellplätze findet man übrigens oft über die Satellitenfunktion von Google Maps oder in dem man einfach die entlegenen Schotterwege entlang fährt und guckt wo man ein schönes Plätzchen findet.

Und wenn man ehrlich ist, die Stellplatzsuche gehört einfach zum Freistehen mit dem Camper dazu. Auch wenn das bedeutetet, dass man an manchen Tagen sieben Plätze anfährt und alle Mist sind.

Lagerfeuer nicht überall entfachen

Allen voran sollte man sich an lokale Gesetze und Regularien halten. Ist offenes Feuer nicht erlaubt, sollte man das Feuerzeug auch lieber nur für das Entfachen des Gaskochers verwenden. Grade durch so eine schöne Rauchfahne kann man kilometerweit gesichtet werden. Das entspricht dann wohl nicht mehr dem versteckten Freistehen. Lagerfeuer sollten auch nur an dafür vorgesehenen Stellen entfacht werden. Sollte schon eine Feuerstelle existieren, bitte keine zweite zwei Meter entfernt errichten.

Bitte auch immer die Waldbrandgefahr beachten! Feuer niemals unter Bäumen oder im trockenen Gras entzünden. Oft reicht ein einzelner Funken um einen Großbrand zu entfachen.

Nationale und regionale Verbote beachten beim Freistehen

Grade die letzten Sommer wurde das Thema Wildcamping in vielen europäischen Ländern heiß diskutiert. Viele neue Gesetzte und Verfügungen wurden erlassen. Aus einer Duldung wurde mancher Orts eine rigorose Ahndung mit hohen Geldbußen.

Solange eine Duldung besteht, legen wir diese für uns recht optimistisch aus. Das muss aber jeder für sich entscheiden! Eine solche Duldung bedeutet aber auch, noch unauffälliger zu werden und keinesfalls Campingverhalten an den Tag zu legen. Sollte ein „Camping-Verboten-Schild“ ersichtlich sein, gilt es sich einen neuen Stellplatz zu suchen. Das gleiche gilt auch für den Fall von einem Anwohner, Sicherheitsdienst oder der Polizei angesprochen zu werden. 

Früh genug mit der Stellplatzsuche für die Nacht beginnen

Eine Regel die wir selbst ab und an über den Haufen werfen. Dennoch ein gut gemeinter Rat, da man grade Waldwege und Gravelroads im Hellen viel besser einschätzen kann und man einfach mehr von der Umgebung sieht. Zumal zig Plätze im Dunkeln anzufahren irgendwann auch eine Geduldsprobe wird.

Persönliche Hygiene

Auch selbstverständlich sollte sein, sich niemals nicht mit Duschgel und Haarshampoo IN Gewässern zu Waschen. Auch die Verwendung von biologisch abbaubaren Produkten in Gewässern stört das extrem empfindliche Ökosystem erheblich. Achte also am besten einen möglichst großen Abstand zu Gewässern zu halten.

Immer auf das Bauchgefühl zu hören.

Das ist an und für sich eigentlich die wichtigste Regel beim Freistehen mit dem Camper. Solltet ihr ein ungutes Gefühl an einem Stellplatz haben, weil beispielsweise Glas auf dem Boden liegt, immer weiter fahren. So schön kann kein Stellplatz sein. In unserem Artikel „Sicheres Freistehen“ findest du noch weitere Tipps um dein Sicherheitsgefühl zu maximieren.


Wenn wir uns also alle an diese einfache Regeln halten, bleibt Freistehen mit dem Camper in Europa und der Welt hoffentlich noch lange möglich. 



Subscribe to our newsletter!


Alles zur: Packliste Wohnmobil DIY Camper Elektronik im Wohnmobil Georgien mit dem Wohnmobil Reisebericht Reisebericht Georgien Vanlife Vanlife Essentials Wildcamping Wohnmobil Packliste

Die mit Sternchen (*) gekennzeichneten Verweise sind sogenannte Provision-Links. Wenn du auf so einen Verweislink klickst und über diesen Link einkaufst, bekommen wir von deinem Einkauf eine Provision. Für dich verändert sich der Preis nicht.

Schreibe einen Kommentar

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Ulrike

    Du hast eines veressen: Durch das Wildcampen entstehen nicht nur Hygieneprobleme sondern es werden auch die Tiere gestört. Für die sind eine ungestörte Nachtruhe, die auch durch wenig bis kein Licht gekennzeichnet ist, immens wichtig. Also: besser kein Wildcamping!
    LG
    Ulrike

    1. Flo

      vielen Dank für den Input, den Aspekt kann jeder für sich in seine individuelle Entscheidung mit einfließen lassen.

  2. Heinz

    Ein immer wichtiger werdendes Thema. Denn immer mehr Reisende sind unterwegs – und die Luft wird für uns freisteher damit immer dünner.

    Zum Glück kommen aber auch immer mehr Alternativen zu Campingplätzen/Campsites/Wildcamps auf den Markt.

    Wir stehen immer mehr in Absprache mit dem Landwirt/Waldbesitzer in der Natur, dh wir fragen aktiv, bieten ein Bier, bei mehrtägern ein Sixpack an. Das erfordert natürlich, dass wir noch früher auf die Platzsuche gehen, weil auch der Bauer wird unleidig, wenn man ihn beim Abendessen unterbricht.

    Sobald der Bauer da einmal hinterher räumen müsste – ist es damit aber ganz sicher – auch vorbei….